Das Wunder von Paris

Eine Erzählung, Sabine Lebensieg, November 2001

Philippe Yves Mouton war Börsenmakler aus Passion. Dieser Beruf war ihm sozusagen in die Wiege gelegt worden, man könnte auch meinen, daß er ihn mit der Muttermilch eingesogen hatte, denn auch sein Vater war ebenfalls recht erfolgreich in diesem Metier.
Doch sein Sohn hatte von Anfang an den Ergeiz gehabt noch besser zu sein und um das zu erreichen war ihm fast jedes Mittel recht.
Obwohl Philippe mit seinen 35 Jahren noch recht jung war behaupteten viele seiner Geschäftspartner, daß er sein Ziel bereits erreicht hätte und der Beste sei. Daß er dabei mit unerbittlicher Härte gegen jeden der ihm bei seinem Erfolg im Weg stand vorging, hatte ihm mehr Feinde als Freunde geschaffen, wobei gerade die Menschen, die er als Freunde bezeichnete nicht das Wort "Freund" in seiner wahren Bedeutung Wert waren.

Philippe verkehrte in den besten Pariser Gesellschaftskreisen mit all ihren Parties, Galas und Empfängen.
Er besaß eine sündhaft teure Wohnung in einem noblen Appartementhaus mit eigenem Pförtner und Wachdienst in der Pariser Innenstadt. Die Anzüge die er trug waren selbstverständlich maßgeschneidert, sowie der teure Luxuswagen den er fuhr ebenfalls eine Sonderanfertigung war.
Eigentlich besaß dieser junge Mann alles, was man sich in seinem Alter nur wünschen konnte, doch all dies war nur eine Fassade, eine leere Hülle ohne Inhalt hinter der er sich versteckte. An den wahren Menschen, der er einmal gewesen war, ließ er niemanden heran.
Bei all der über Jahre antrainierte Härte in seinem Job hatte er vergessen was es bedeutete mit anderen Menschen freundschaftlich umzugehen. Alle mit denen Philippe zu tun hatte bekamen dies früher oder später zu spüren. Niemand, nicht einmal seine unzähligen Freundinnen hielten es länger als ein paar Wochen mit ihm zusammen aus. So war es auch nicht verwunderlich, daß die Zahl seiner Feinde und Gegner kontinuierlich mit den Jahren anwuchs.

Das einzige Lebewesen, daß Zugang zu seinem wahren Ich gefunden hatte war erstaunlicherweise - eine Katze!
Er hatte Cleo, wie er die rabenschwarze Katze in Anlehnung an die schöne ägyptische Königin Cleopatra genannt hatte, vor einem Jahr durch Zufall gefunden. Auf dem Weg zu seinem Auto war er an mehreren Mülltonnen vorbeigegangen, als er aus einer ein leises Fiepen und Maunzen gehört hatte. Als er neugierig den Deckel der Mülltonne öffnete, fiel ihm eine Plastiktüte auf, in der sich etwas bewegte. Philippe öffnete die Tüte und zum Vorschein kam eine junge, magere und offenbar kranke schwarze Katze.
Er hatte sich als Kind immer ein Tier gewünscht, doch seine Eltern hatten ihm diesen Wunsch nie erfüllt. Lieber überhäuften sie ihren Sohn mit ferngesteuerten Spielzeugautos und computergesteurten Nachbildungen von Hunden die für sündhaft teures Geld gerade auf den Markt kamen. Ein echtes Tier würde zuviel Dreck machen, argumentierten sie immer. Doch diese Spielzeuge waren kalt und leblos und kein Ersatz für ein lebendiges Tier.
Und nun, nach so vielen Jahren schickte ihm der Zufall ein echtes Tier und ein lang unterdrückter Kindheitswunsch kam wieder zum Vorschein.
Jedenfalls brachte Philippe die kranke Katze noch am selben Abend zu einem Tierarzt der sie wieder gesund pflegte und danach zog Cleopatra in seinem Appartement ein. Es zeigte sich schnell, daß dies für beide ein großer Gewinn war.
Cleo bedankte sich bei ihrem Retter mit einer Anhänglichkeit und Liebe die Katzen nur in sehr seltenen Fällen Menschen zuteil werden lassen. Philippe hingegen war ein völlig anderer Mensch wenn er mit Cleo allein war. Bei ihr brauchte er sich nicht zu verstellen, durfte so sein wie er früher einmal gewesen war und brauchte keine Härte herauszukehren. Im Gegenteil, die Katze wickelte ihn mit Leichtigkeit im übertragenen Sinn um den Finger, pardon, um die Pfote natürlich.
Er verwöhnte sie und zeigte dabei, daß tief in seinem Inneren Werte wie Güte, Mitgefühl und Freundschaft noch nicht ganz verloren gegangen waren.

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Eines Abends ging Philippe nach einem geschäftlichen Essen allein in die Tiefgarage unter dem Restaurant in der sein Auto parkte. Vor dem Eingang saß eine zusammengesunkene Gestalt in zerrissener, schmutziger Kleidung mit einem alten Hut und einem kleinen Pappschild vor sich. Es war einer der vielen heimatlosen Stadtstreicher der vor der Tiefgarage des teuren, piekfeinen Lokals saß und still bettelte.
Philippe blickte zur anderen Seite und tat im Vorbeigehen so, als würde er den Mann gar nicht bemerken. Für ihn waren diese Menschen Abschaum und er hatte noch nie einem von ihnen Geld gegeben, obwohl es für ihn eine Leichtigkeit gewesen wäre.

Nach dem langen Arbeitstag fühlte Philippe sich müde und abgespannt und er hatte es eilig nachhause zu kommen. Er freute sich auf ein heißes Bad und einen gemütlichen Abend mit Cleo als es passierte: Ohne auch nur die geringste Chance einer Gegenwehr zu haben schlugen ihn drei maskierte Männer von hinten nieder als er gerade die Autotür aufschloß. Alles ging sehr schnell und fast lautlos. Die Männer zogen den bewußtlosen Philippe in ihr Auto und fuhren mit quietschenden Reifen davon.
Der Überfall war von langer Hand sorgfältig geplant gewesen, doch die drei maskierten Männer wollten ihr Opfer weder entführen noch töten. Sie handelten lediglich im Auftrag eines angesehenen Pariser Geschäftsmannes, den Philippe vor kurzer Zeit durch seine Börsenspekulationen an den Rand des geschäftlichen Ruins gebracht hatte. Nun wollte er sich dafür rächen und ihm einen Denkzettel verpassen, der gleichzeitig eine Warnung sein sollte und den Philippe so schnell nicht vergessen sollte. Dafür hatte er sich etwas Besonderes ausgedacht.
Die drei Männer fuhren mit ihrem Opfer aus der Innenstadt hinaus, bogen mehrmals in schmale Seitenstraßen ab und hielten schließlich in der Nähe der Seinebrücke, dort wo die Stadtstreicher, die Clochards lebten.
Philippe war noch immer bewußtlos. Der Schlag war hart gewesen und er blutete aus einer tiefen Platzwunde am Hinterkopf.
Die Männer zerrten Philippe aus dem Auto und zogen ihn bis auf die Unterwäsche aus. Dann holten sie aus dem Kofferraum ein Bündel Kleidung welche sie zuvor bei einer Altkleidersammlung gestohlen hatten. Sie hatten wirklich nur die ältesten und zerrissensten Stücke ausgewählt. Die Kleider stanken fürchterlich und sahen aus, als hätte eine Schaar Motten gerade ein Festmahl beendet. Ein alter, zerbeulter Hut den sie ihm auf den Kopf setzten rundete schließlich das neue Erscheinungsbild Philippes ab.
Bevor die maskierten Männer wegfuhren legten sie einen Zettel neben ihr Opfer worauf stand: "Wie fühlt man sich wenn man plötzlich arm ist? Treib es nicht zu weit Mouton!"
An diesem Abend wartete Cleo vergeblich auf ihr Herrchen.

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Als Philippe wieder zu sich kam dämmerte bereits der neue Morgen.
Er versuchte aufzustehen, doch sein Kopf schmerzte so sehr, daß ihm schwindelig wurde und er sich übergeben mußte. Er faßte mit der Hand an seinen Kopf und fühlte die Platzwunde und das inzwischen getrocknete Blut. Außerdem war ihm furchtbar kalt.
Er sah sich um und wußte nicht wo er war, oder was passiert war, doch was noch schlimmer war, - er wußte nicht mehr wer er war.
Durch den harten Schlag auf den Kopf hatte Philippe sein Gedächtnis verloren. Er fand den Zettel neben ihm im Gras und las die Zeilen die darauf standen, aber sie sagten ihm nichts. Selbst sein Name war ihm fremd und er verstand die Bedeutung der Worte nicht. Trotzdem faltete er den Zettel sorgfältig zusammen und steckte ihn in seine Jackentasche.
Was sich der Auftraggeber seiner Peiniger als Warnung und Denkzettel ausgedacht hatte, war plötzlich bittere Wirklichkeit geworden. Philippe, der reiche und vom Leben verwöhnte Börsenmakler war mit einem Mal ein Mensch ohne Identität, ein Nichts geworden.

Philippe hörte Stimmen in seiner Nähe, kam mühsam auf die Beine und ging auf die Stimmen zu weil er spürte, daß er Hilfe brauchte. Es war eine Gruppe Clochards die nicht weit entfernt unter der Brücke geschlafen hatten. Sie begrüßten Philippe freundlich als einen Neuen unter ihnen und nahmen ihn gleich in ihre Gemeinschaft auf. Als sie ihn jedoch nach seinem Namen fragten, konnte er nur mit den Schultern zucken. Er wußte ihn nicht und konnte sich auch nicht daran erinnern.
Seinen neuen Freunden machte das nichts aus. Namen waren nebensächlich unter den Schiffbrüchigen des Lebens und so nannten sie ihn einfach Claudes.

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Philippe schloß sich den Clochards an. Er glaubte schon bald immer so gelebt zu haben, auch wenn ihm alles fremd und unbekannt vorkam. Seine neuen Freunde halfen ihm in den ersten Tagen zu überleben. Sie zeigten ihm wie man für seinen Lebensunterhalt bettelt und besorgten ihm auch eine Decke zum zudecken für die Nacht, denn die Nächte unter der Brücke waren schon empfindlich kalt. Der Winter stand unmittelbar bevor.
Natürlich wurde nach Philippe gesucht. Seit seinem mysteriösem Verschwinden waren die Zeitungen voll von Schlagzeilen und Suchanzeigen über ihn. In der Pariser Innenstadt klebte überall sein Bild mit der Vermißtenmeldung, doch mit dem jungen Clochard der unter der Seinebrücke schlief hatte es nur noch wenig Ähnlichkeit. Man hätte schon sehr genau hinschauen müssen um festzustellen, daß das ein und derselbe Mann war.
Selbst Philippe war an dem Plakat mit seinem Foto schon mehrmals vorbeigelaufen, aber er hatte sich nicht darauf erkannt. Er konnte sich an das was früher gewesen war nicht mehr erinnern, so sehr er es auch versuchte.
So lebte er schon seit mehreren Wochen unter der Brücke.

Doch die Menschen unter der Brücke waren nicht die einzigen Lebewesen die dort Schutz und Unterkunft suchten.
Die Rohre der Fernwärmeheizung die unter der Brücke entlang verlegt waren zogen auch eine ganz andere Art von heimatlosen Stadtstreichern an: einen Teil der verwilderten Straßenkatzen von Paris.
Auf diesen Rohren, die auch im Winter eine angenehme Wärme abgaben ließ es sich gut schlafen, wenn um die Brücke herum Schneestürme tobten und die Temperatur in tiefe Minusbereiche abrutschte. Doch die lebenspendende Wärmequelle war nur den Katzen zugänglich. Zu schmal waren die Rohre und zu hoch an der Wand verlegt, als daß ein Mensch sie hätte erreichen können. Nur Katzen, die geschickten Kletterer, waren in der Lage diesen sicheren, warmen Platz für sich zu nutzen.
Die Menschen unter der Brücke konnten nur neidisch von unten zusehen.
Vielleicht waren die Katzen bei den Clochards deswegen so unbeliebt. Bestimmt aber weil sie oft die Essensvorräte plünderten, wenn die Männer schliefen, oder völlig betrunken waren. Aus diesem Grund jagten sie die hungrigen Katzen wo immer es ging brutal davon.

Besonders dreist benahm sich ein großer, grauweißer Kater. Er schien schon sehr alt zu sein. Seine Ohren waren von vielen Kämpfen unter seinesgleichen ausgefranst und er war rappeldürr. Trotzdem behauptete er sich in der Katzengemeinschaft, ja er schien sogar ihr Anführer zu sein.
Auf ihn hatten die Clochards eine besondere Wut, weil er sich manchmal mit Zähnen und Krallen gegen ihre Tritte und Schläge zur Wehr setzte.

In der ersten Nacht unter der Brücke wurde Philippe plötzlich wach weil ein kalter Gegenstand seine Wange berührte. Verschlafen schlug er die Augen auf und sah direkt in das Gesicht des grauweißen Katers. Der kalte Gegenstand an seiner Wange war nichts anderes als die feuchte Nase des Katers gewesen der ihn neugierig beschnüffelte.
Als Philippe die Augen öffnete wich der Kater in Erwartung von einem Schlag oder Tritt sofort einige Meter zurück. Philippe starrte die Katze an und irgendetwas in seinem Inneren sagte ihm, daß er mit Katzen vertraut war, mehr jedoch nicht.
Er streckte die Hand nach dem Tier aus, aber der Kater fauchte drohend. Philippe holte ein Stück Butterbrot aus seiner Jacke hervor, daß er am Tage von einer mitleidigen Frau geschenkt bekommen hatte. Er brach ein Stück davon ab und warf es dem Kater zu. Der Kater beobachtete Philippe mißtrauisch, aber sein Hunger war schließlich größer als seine Angst und so nahm er den Brocken und fraß. Philippe gab ihm nach und nach noch den Rest der Scheibe Brot. Als er nichts mehr hatte verschwand der Kater nach einiger Zeit wieder in der Dunkelheit der Nacht.
Philippe starrte ihm grübelnd hinterher. Warum war es ihm nur so bekannt, ja vertraut vorgekommen, als er das Tier fütterte? Es fiel ihm jedoch nicht ein.

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Am nächsten Abend erwartete Philippe das Auftauchen des Katers und blieb wach. Tatsächlich erschien das scheue Tier nachdem es dunkel geworden war. Philippe hatte ein Stück Wurst aufgehoben was er nun stückchenweise dem Kater gab. Wie in der ersten Nacht blieb der Kater mißtrauisch in respekvollem Abstand zu Philippe stehen während er die Wurst fraß, jederzeit zur Flucht bereit. Es war für ihn eine völlig neue Erfahrung von einem der Männer unter der Brücke gefüttert und nicht geschlagen zu werden, doch von nun an kam er jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit.
Philippe freute sich jedes Mal auf ein Wiedersehen. Es war immer ein kurzer, glücklicher Moment in seinem freudlosen Leben.
Der Name Cleopatra fiel Philippe beim Anblick des Katers ein, doch er wußte beim besten Willen keinen Zusammenhang daraus herstellen zu können.

So verging Woche für Woche. Doch Zeit spielt keine Rolle für jemanden der unter der Brücke lebt, weil ein Tag sowieso wie der andere ist.
Die Clochards hatten längst bemerkt, daß Philippe den grauweißen Kater und auch die anderen Katzen fütterte und sie mißbilligten es.
Seit dem hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht etwas abseits von den anderen zu schlafen, auch wenn dieser Platz noch kälter und zugiger war. Auf die allabendliche Gesellschaft der verwilderten Katzen wollte er jedoch nicht mehr verzichten.
Er teilte mit ihnen was er entbehren konnte und obwohl sich die Katzen niemals berühren ließen, machte es ihn glücklich ihnen zuzusehen.
Oft versuchte er sich dabei zu erinnern warum er die Katzen so sehr mochte, doch irgendetwas blockierte seine Erinnerungen und er stürzte immer tiefer in Depressionen weil er nicht wußte wer er war.
Deshalb war es ihm schließlich auch egal als er sich in den ständig kälter werdenden Nächten eine Erkältung zuzog die immer schlimmer wurde.

Er bekam Fieber und wurde von Hustenkrämpfen geschüttelt. Jeder wäre deswegen zum Arzt gegangen, aber die Menschen unter der Brücke konnten sich keinen Arzt leisten.
Irgendwann war Philippe zu schwach um aufzustehen und mit den anderen in die Stadt betteln gehen zu können. Doch unter denen die selber kaum genug zum Leben hatten gab es wirkliche, wahre Freunde. Sie teilten das Wenige was sie erbettelten und versorgten den Kranken so gut es ihnen möglich war mit.
Natürlich sollte er ihrer Meinung nach das Essen nicht auch noch mit den Katzen teilen. Philippe versprach es, aber heimlich tat er es doch.
Die Katzen waren seine Freunde und kamen jeden Abend in Erwartung von etwas Futter. Er mochte sie nicht enttäuschen.
Dann kam die erste Frostnacht des Winters. Am frühen Nachmittag setzte Schneetreiben ein und bis zum Abend war es überall weiß.
Philippe lag vor Kälte zitternd in seine Decke gehüllt auf seinem einsamen Schlafplatz. Die anderen hatten ihm angeboten sich zu ihnen zu legen. Sie hatten ein offenes Feuer angezündet um sich wenigstens etwas zu wärmen, aber Philippe hatte abgelehnt. Er wußte, daß die Katzen dorthin nicht kommen würden. Er fühle sich so schwach und elend wie noch nie zuvor.

An diesem Abend wollte er ein letztes Mal auf seine Freunde warten um sich von ihnen zu verabschieden. Er spürte wie es ihm immer schlechter ging, doch es war ihm egal. Er hatte mit seinem Leben abgeschlossen.
Er hatte die letzten Tage kaum noch etwas gegessen, weil er es für die Katzen gesammelt hatte. Sie sollten alle nocheinmal etwas von ihm bekommen bevor er sie für immer verlassen mußte.
Es wurde jetzt bereits sehr früh dunkel und mit der Dunkelheit kamen die scheuen Gestalten der Nacht. Da war der alte grauweiße Kater, der wie immer zuerst erschien und sich die besten Stücke holte. Nach und nach waren sie dann alle da. Philippe erkannte etwa fünfzehn magere, struppige Katzen die ihn umlagerten bis die Gaben die er gleichmäßig unter ihnen zu verteilen versuchte aufgebraucht waren.
"Macht es gut meine Freunde. Ich weiß, ihr kommt auch ohne mich aus. Ihr müßt es halt versuchen." sagte Philippe zu den Katzen.
Er hatte auf sie gewartet, sie gefüttert und ihnen zugesehen, doch nun war er mit seiner Kraft am Ende. Er fühlte sich unendlich schwach und müde und wollte nur noch ausruhen. Er schloß die Augen und schlief ein.

Als Philippe sich nicht mehr bewegte kam der grauweiße Kater langsam und vorsichtig näher.
Er hatte inzwischen die größte Angst vor diesem einen Menschen verloren, der nie versucht hatte ihn zu treten oder zu schlagen. Wie in der ersten Nacht schnüffelte der Kater an Philippes Wange. Irgedwie spürte er wie krank Philippe war und daß es schlecht um seinen Menschenfreund stand und das Wunder geschah:
Der scheue Kater stieg vorsichtig auf den Bauch des schlafenden Mannes. Er setzte sich hin und hob seinen Kopf zum Himmel. Dann begann er zu rufen, erst leise, dann immer lauter und fordernder.
Die anderen Katzen hörten seine Bitte und gehorchtem ihrem Anführer. Zögernd und sehr vorsichtig kamen sie eine nach der anderen näher. Als sie merkten, daß ihnen nichts geschah machten sie es dem Kater nach. Sie legten sich auf den Körper des totkranken Mannes und wärmten ihn mit ihrer eigenen Körperwärme. Die die keinen Platz mehr auf Philippe hatten, legten sich eng an ihn auf den Boden. Keine Stelle seines Körpers blieb unbedeckt. Selbst auf seine Beine und Füße legten sich die Tiere und hüllten ihn so in eine lebende Decke aus weichen, wärmenden Katzenhaaren ein.
Um die Brücke herum tobte währenddessen noch immer ein eisiger Schneesturm der alles Leben unter einer kalten, weißen Decke begrub.

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Am anderen Morgen kontrollierte ein Polizist den Platz unter der Seinebrücke. Im Winter, besonders nach kalten Frostnächten gehörte dies zu seiner morgendlichen Routine.
Immer wieder fanden er und seine Kollegen dann unterkühlte Menschen aus der Stadtstreicherszene die ins Krankenhaus gebracht werden mußten.
Oft kamen die Ordnungshüter aber auch zu spät und konnten nur noch einen Leichenwagen bestellen.
Das Bild was sich dem diensthabenden Polizisten an diesem Morgen bot würde er wohl nie mehr in seinem ganzen Leben vergessen.
Als er unter die Brücke trat sah er eine Menge Katzen auf einer Art Erhebung sitzen und liegen. Als die scheuen Tiere flüchteten bemerkte der Polizist, daß es ein menschlicher Körper war auf dem die Katzen gesessen hatten und er trat näher.
Er erwartete einen Toten vorzufinden und war erstaunt, daß es nicht so war. Die Haut des Mannes war noch rosig und warm und er atmete, wenn auch sehr flach. Über Funk verständigte der Polizist sofort einen Krankenwagen.
Als er dem jungen, verwahrlosten Clochard mitleidig ein zweites Mal ins Gesicht sah, erkannte er plötzlich den Mann, der seit Monaten überall gesucht wurde und glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. Er war sich sicher den reichen Bördenmakler Philippe Yves Mouton vor sich zu haben, aber was war passiert?
Zur Sicherheit durchsuchte er die Taschen des bewußtlosen Mannes, doch er fand keine Ausweispapiere oder Ähnliches. Er fand nur den zerknitterten Zettel den die drei Männer Philippe nach dem Überfall in die Tasche gesteckt hatten.
Wenig später holte der Krankenwagen Philippe ab.

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Philippe mußte einige Zeit im Krankenhaus bleiben bis er wieder gesund war. Dort erfuhr er auch wer er wirklich war, doch er hatte Mühe es zu verstehen. Die Ärzte sagten ihm, daß dies bei einer solch schweren Amnesie ganz normal wäre und er viel Zeit brauchen würde um sich an sein ganzes, früheres Leben zu erinnern. Doch er grübelte viel mehr über sein vorheriges Leben unter der Brücke nach. Es schien ihm wesentlich vertrauter zu sein als das wovon ihm die Ärzte und Freunde erzählten und es machte ihm Angst.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus kehrte Philippe in seine Wohnung zurück, doch als er die Tür aufschloss war ihm alles so fremd so daß er am liebsten gleich umgekehrt wäre. Zögernd trat er in den Flur und blieb unschlüssig dort stehen.
Da kam plötzlich ein schwarzer Schatten auf ihn zugelaufen und sprang ihm in die Arme. Es war Cleo, die in der Zeit seiner Abwesenheit von seiner Haushälterin versorgt worden war. Die schwarze Katze schnurrte laut vor Freude und rieb ihren Kopf an Philippes Wange.
"Cleo, meine liebe, schöne Cleopatra!" entfuhr es Philippe ohne das er vorher darüber nachgedacht hatte und zum ersten Mal war er wieder glücklich.

In den nächsten Tagen und Wochen kamen langsam Stück für Stück die Erinnerungan an sein altes Leben wieder, doch Philippe dachte immer mehr über die Zeit unter der Brücke nach.
Er fühlte sich trotz Cleo einsam in seiner Wohnung und er vermißte seine Freunde, die Menschen unter der Brücke und die scheuen Katzen.
Der Polizist der ihn an dem kalten Wintermorgen gefunden hatte, hatte ihn später, als es ihm wieder besser ging, im Krankenhaus besucht. Dabei erzählte er Philippe von dem erstaunlichen Anblick der vielen Katzen die auf Philippe gesessen und gelegen hatten und erst weggelaufen sind, als er näher kam.
"Ich habe soetwas noch nie vorher gesehen, aber ich bin sicher, daß die Katzen Ihnen das Leben gerettet haben. In ihrem Zustand wären sie in der Nacht unter der Brücke erfroren, wenn die Katzen sie nicht mit ihren Körpern gewärmt hätten. Es ist wie ein Wunder."

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Philippe Yves Mouton war zwar wieder zurückgekehrt, aber sein altes Leben wie vor dem Überfall wollte er nicht wieder aufnehmen.
Er verkaufte seine Luxuslimousine, zog aus dem Appartementhaus aus und setzte nie mehr einen Fuß in die Börsenhalle.
Statt dessen löste er die meisten seiner Bankkonten auf und baute mit dem Geld in der Nähe der Seinebrücke eine Unterkunft für arme, obdachlose Menschen wo sie Essen und einen warmen Platz zum schlafen bekamen.
Für die streunenden, scheuen Straßenkatzen errichtete er mit Zustimmung der Behörden feste Futterplätze unter dem Schutz der Brücke und ließ die kranken Tiere einfangen und tierärztlich versorgen.
Für die Tiere, die nicht mehr auf der Straße leben konnten oder sollten baute er außerhalb der Stadt ein Heim wo sie den Rest ihres Lebens in friedlicher Geborgenheit verbringen konnten. Auf dem weiträumigen Areal durften sich die Katzen frei bewegen, doch die Erfahrung zeigte, daß sie immer wieder freiwillig und gern zu dem angebotenen Futter und den warmen Schlafplätzen zurückkehrten.
Philippe zog in die Nähe des Heimes in ein kleines Haus um seine Schützlinge jeden Tag besuchen zu können.
Eine ganz besonders innige Freundschaft verband ihn jedoch mit dem alten grauweißen Kater, seinem Lebensretter. Das ehemals so scheue Tier hatte Vertrauen zu Philippe gefaßt und er verwöhnte de alten Kater so sehr es nur möglich war bis an dessen Lebensende.

Ehemalige Freunde, Bekannte oder Geschäftspartner von Philippe redeten hinter seinem Rücken darüber, daß er während der Zeit unter der Brücke verrückt geworden war, doch das störte ihn nicht.
Er hatte in seinem jetzigen Leben eine tiefe Zufriedenheit und Erfüllung gefunden, so wie er es in seinem früheren Leben nicht gekannt hatte und das allein machte ihn glücklich. Das Wissen Menschen und Tieren in Not zu helfen genügte ihm vollends.
Endlich wußte er w e r er war.
Schließlich wird einem auch nicht jeden Tag das Leben gerettet und Wunder geschehen bekanntlich noch viel seltener.     S.L.


E n d e




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